Arztpraxen unter Dauerstress

Ein Teufelskreis: Je mehr Menschen eine Krankschreibung benötigen, umso höher das Aufkommen in den Arztpraxen – und umso schlechter deren telefonische Erreichbarkeit. Fotos: Jens Büttner//dpa, Privat

Fehlzeiten am Arbeitsplatz wegen Erkältungskrankheiten und Coronavirus-Infektionen haben im ersten Halbjahr in Hanau und im übrigen Main-Kinzig-Kreis unter Versicherten der Krankenkasse DAK-Gesundheit stark zugenommen.

Region – Allein die Fehltage durch Atemwegserkrankungen stiegen hier gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 118 Prozent. Die Fehltage wegen Corona haben sich im selben Zeitraum verfünffacht.

Auch die Barmer Ersatzkasse, sie zählt (wie die DAK) zu den deutschlandweit großen gesetzlichen Krankenkassen, verzeichnet eine ähnliche Tendenz – allerdings auf ganz Hessen bezogen. Auch hier haben Krankschreibungen wegen Corona sowie akuter Atemwegserkrankungen und Banaler Infekte deutlich zugenommen. Die Entwicklung bereitet den Kassen Sorgen wegen einer weiter steigen-den Belastung für das Gesundheitswesen.

Ausgewertet wurden die Krankschreibungen der versicherten Beschäftigten beider Krankenkassen. So kommt die DAK für unsere Region zu dem Ergebnis, dass bis Ende Juni an jedem Tag dieses Jahres 45 von 1000 Mitgliedern krankgeschrieben waren. Der Krankenstand stieg um zwölf Prozent gegenüber den ersten sechs Monaten des Vorjahres.

„Verantwortlich für den Anstieg waren vor allem Erkältungen“, teilte Tanja Schreiber-Ries von der DAK unserer Zeitung mit. Die Erkältungswelle sei zudem noch von der hochansteckenden Virusvariante Omikron begleitet worden, sagte sie.

Der Landesgeschäftsführer der Barmer in Hessen, Martin Till, bestätigt gegenüber unserer Zeitung ebenfalls einen deutlich höheren Krankenstand unter den dort krankgeschriebenen Mitgliedern. Und auch derzeit seien in Hessen „mehr Menschen aufgrund einer Atemwegserkrankung krankgeschrieben als im Vorjahr. In den nächsten Monaten können die hohen Krankenstände im Gesundheitswesen, der Pflege und im Berufsleben zu einer zunehmenden Belastung werden“, warnte er. Davon geht auch der hessische Hausärzteverband aus: „Das Geschehen in den Hausarztpraxen spiegelt durchaus die Zahlen der Krankenkassen wider, wobei deren Angaben der Aktualität meist noch etwas hinterherhinken“, sagte der Facharzt Christian Sommerbrodt, Vorstandsmitglied des Verbandes, auf Nachfrage unserer Zeitung. Er rechnet damit, dass es ab Ende des Monats einen erneuten und steilen Anstieg der Krankheitsfälle gibt.

„Bei alledem“, so der Allgemeinmediziner, „haben unsere Arztpraxen ihre Belastungsgrenzen ohnehin schon erreicht. Wenn die Allgemeinheit krank ist, dann ist davon auch unser Praxispersonal betroffen. Bedenken Sie, dass viele erkrankte Patienten eine Krankschreibung benötigen. Je mehr Menschen das betrifft, desto mehr versuchen auch, ihre Praxis zu kontaktieren. Wenn diese dann immer schlechter erreichbar ist, schicken Patienten E-Mails, die wiederum nicht Grundlage einer Krankschreibung sein können. Kommen sie in die Praxis, wird die Warteschlange immer größer und im Gegenzug die telefonische Erreichbarkeit des Arztes schlechter.“

Dieser Teufelskreis sei nur schwer zu durchbrechen. Bei der „klassischen Grippewelle“ seien solche Spitzenbelastungen in früheren Jahren meist zwischen vier bis sechs Wochen im Februar und März aufgetreten und hätten sich übers Jahr gesehen mit kleineren Wellen abgewechselt. „Aber mittlerweile“, so Sommerbrodt, „haben wir über das ganze Jahr hinweg ein buntes Bild an Infektionen. Das alles bedeutet eine Dauerbelastung auch für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die irgendwann nicht mehr zu stemmen ist.“

Immer wieder beklagen Ärzteverbände zudem den hohen administrativen Aufwand in den Praxen. Mit Blick auf die Versichertenkarte, die bei Arztbesuchen Quartal für Quartal vor Ort in der Praxis eingelesen werden muss, wünscht sich der Ärzteverbandsfunktionär beispielsweise gerade für Spitzenbelastungen schlankere Regelungen, wie es sie schon bei der Videosprechstunde gibt. Bei diesem Kontakt zwischen Arzt und Patient via Bildschirm entfällt das Einlesen der Versichertenkarte am Anmeldetresen und damit einer der Belastungsfaktoren.

VON REINHOLD SCHLITT

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