„Ausdruck der Freiheit“

Ausgezeichnet: Landrat Thorsten Stolz, Thomas Bayrle, Ludwig Naumann, der für die Erkrankten Keßlers den Preis entgegennahm, von Theater der Vielfalt Annalena Lins, Florian Hofmann und Christian Buschmann, Michael Millard und die Vorsitzende der Jury, Ingrid Sonntag-Ramirez Ponce. Foto: Stephan Siemon

Kulturpreisträger im Main-Kinzig-Kreis sind 2022: Der Künstler Thomas Bayrle (Frankfurt) und der Musiker Michael Millard (Mainz). Den Nachwuchsförderpreis gibt die Jury an das erst 2020 gegründete „Theater der Vielfalt“ aus Hanau. Den Sonderpreis bekommen Marlies und Klaus Kessler (Lindenhof Keramik-Museum Brachttal).

Gelnhausen – Im Barbarossasaal des Main-Kinzig-Forums überreichte Landrat Thorsten Stolz (SPD) die seit 1977 verliehene Auszeichnung.

Die Stimmung im voll besetzten Saal: Launig und festlich. Hier sitzen Bürgermeister aus den Kommunen, in die die Auszeichnung geht. Hier sitzen aber auch die Kulturpreisträger vergangener Jahre. Und hier sitzen die Vorstände der Sparkassen, die die Preisgelder stiften: In diesem Jahr sind es erneut 15 000 Euro.

„Der Kulturpreis ist zeitlos. Er hat eine Strahlkraft, die weit über den Main-Kinzig-Kreis hinausreicht“, formuliert Thorsten Stolz in seiner Begrüßung. Und er betont: „Ein reichhaltiges Kulturangebot ist ein Standortvorteil für den Landkreis, das zudem die Identität fördert.“ Und zum Schluss sagt er: „Kunst ist auch Ausdruck der Freiheit.“

Nach Stolz hat die Vorsitzende der Kulturpreis-Jury, Ingrid Sonntag-Ramirez Ponce (INK), das Wort. „Kunst und Kultur zeigen gesellschaftliche Diskurse auf. Aber sie sind beständig in wirtschaftlicher Not“, erinnert sie. Ein solcher Kulturpreis sei also „keine Subvention, sondern eine Investition“. Sie dankt dem Landrat, dem Kreistag und den Sparkassen für diese Weitsicht, denn: „Kultur ist ein Grundnahrungsmittel.“

Anschließend geht es an die Preisverleihung. In kurzen Videofilmen werden die Preisträger von ihren Laudatoren vorgestellt. Den Anfang macht INK selbst, die Professor Thomas Bayrle vorstellt.

Professor Thomas Bayrle wurde 1937 in Berlin geboren. Er lebt in Frankfurt. Er darf als einer der namhaftesten deutschen Objektkünstler, Maler, Grafiker und Videokünstler gelten. Bayrle studierte an der Werkkunstschule Offenbach. Seinem Studium schlossen sich beeindruckende Ausstellungen an, so nahm er mehrfach an der documenta in Kassel teil. Auch die Sammlung des Städel-Museums in Frankfurt beherbergt Werke von ihm. Ab 1972 war Bayrle als Professor tätig an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste – Städelschule in Frankfurt am Main. Seine Kindheit und Jugend verlebte er im Main-Kinzig-Kreis, genauer gesagt im Jossgrund. Und daran erinnert sich der Preisträger bis heute: An die Arbeit beim Bauern. Daran, dass er für Besatzungssoldaten Forellen gefangen hat – „mit der Hand, nicht mit der Angel“. Eine Jugend auf dem Lande, die er noch heute als „Kapital“ begreift.

Harry Wenz ist die Laudatio auf Michael Millard vorbehalten. Der im englischen Leeds geborene Musiker kam 1987 von London nach Bad Orb zur ersten Produktion der dortigen Opernakademie: „Die Hochzeit des Figaro“. Von der Konzerthalle und den Möglichkeiten für die Mitwirkenden war er begeistert und vom Wunsch beseelt, sich dafür einzubringen. Zuvor war er musikalischer Leiter des renommierten Mayer-Lismann-Opern-Studios in London. Direkt nach der ersten Opern-Produktion in Bad Orb fing er als Pianist und Dirigent am Mainzer Staatstheater an, an dem er immer noch tätig ist. Mit Regisseur Carlos Krause baute Millard die Opernakademie zu einer weltbekannten Institution auf.

24 Jahre lang hat er seinen Jahresurlaub an den Theatern in Mainz und Bonn für die Opernakademie investiert sowie jedes Jahr zwischen Dezember und Februar die zahlreichen Bewerbungen gesichtet: mittlerweile 300 Bewerber aus 50 Nationen.

Das Theater der Vielfalt, 2020 gegründet, inspirierte die Jury, ihnen den Förderpreis zu geben. Der Verein wurde von jungen Menschen gegründet als Reaktion auf die politischen Erfahrungen mit Ausgrenzung und Hass. Insbesondere trug dazu der rassistische Anschlag vom 19. Februar 2020 in Hanau bei. Schon 2022 fand vom 29. September bis 3. Oktober ein vom Verein getragenes Festival in der Hanauer Orangerie statt. Ziel: die inhaltliche Auseinandersetzung mit Alltagsdiskriminierung. Sieben Theatergruppen aus dem Schul- und Amateurbereich bildeten das Hauptprogramm, das von weiteren Programmpunkten – Workshops, bildende Kunst, Konzerte – begleitet wurde. Annalena Lins, Lena May, Florian Hofmann und Christian Buschmann nahmen den Preis für den Verein entgegen.

Der Sonderpreis schließlich fällt an Marlies und Klaus Keßler, die mit ihrem im Brachttaler Ortsteil Streitberg befindlichen Lindenhof Keramik-Museum mittlerweile eine Strahlkraft entfaltet haben, die selbst Interessierte aus Übersee anlockt, wie Laudator Thorsten Stolz sagt. 1993 erwarben die Keßlers ein 200 Jahre altes Fachwerkhaus mit Scheune in Streitberg. Denkmalgerecht restaurierten sie das Anwesen, einen Teil davon eröffneten sie als privates Museum, um einmalige Kollektionen der Wächtersbacher Keramik einem interessierten Publikum zu präsentieren.

Seit dieser Zeit ist das Lindenhofmuseum ein Ort umfangreicher Keramikausstellungen und damit auch ein Stück Heimatgeschichte. Stolz: „Marlies und Klaus Keßler haben einen Leuchtturm im Main-Kinzig-Kreis geschaffen.“

Musikalisch umrahmt wird die Preisverleihung von Mezzosopranistin Karin Repova, die, begleitet von Michael Millard, die Gäste mit zwei Arien zu Beifallsstürmen hinreißt.

VON STEPHAN SIEMON

Noch keine Bewertungen vorhanden