In der Pflege werden deutlich mehr Hände benötigt

Nach den vorläufigen Auswertungen zeichnet sich ab, dass bis 2040 in einigen Kommunen des Kreises stationäre Pflegeangebote und Personal fehlen. Symbolfoto: Sina Schuldt/dpa

Mit zunehmendem Alter stehen Menschen vor wegweisenden Fragen: Ist die Wohnung barrierefrei nutzbar oder ist ein Umzug notwendig? Können alle Erledigungen des Alltags noch selbst gemeistert werden oder bedarf es externer Unterstützung?

Region – Gleich im nächsten Schritt stellt sich die entscheidendere Frage: Wie steht es um die alternativen, unterstützenden und pflegerischen Angebote in der nahen Umgebung? „Wir können auf Grundlage erster Ergebnisse unserer Detailstudie zur Pflegestruktur im Kreis sagen: Es gibt im Kreisgebiet jede Menge zu tun, wenn wir es auch in 20 Jahren noch allen Menschen ermöglichen wollen, so zu leben, wie sie es sich im hohen Alter wünschen“, erklärt Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler (SPD) in einer Pressemitteilung.

„Als Landkreis haben wir hier zwar auch die Aufgabe der überörtlichen Koordination. Uns geht es aber vor allem auch darum, Bewusstsein zu schaffen und in regionale Lösungsansätze zu kommen.“

Das ALP-Institut hat sich über Monate hinweg die Versorgung in allen 29 Städten und Gemeinden genauer angeschaut und hat dazu auch viele hundert Akteure und Betroffene befragt. Daraus entstanden einzelne „Steckbriefe“, die ziemlich genau die Stärken und Schwachstellen der pflegerischen Versorgung in den Kommunen darlegen. Die ausgearbeitete Fassung der Studie soll nach den Sommerferien vorliegen und anschließend dem Kreistag, den Städten und Gemeinden und auch Pflegeunternehmen zur Verfügung gestellt werden.

Schon die Vorabfassung hat Sozialdezernentin Susanne Simmler alarmiert. „Gerade der Pflegenotstand ist in aller Munde. Genauer und drastischer muss man sagen: Der Pflegenden-Notstand ist real und er ist in unterschiedlicher Form und unterschiedlich weit im Main-Kinzig-Kreis schon fortgeschritten.“

Simmler ist sich sicher: „Wir haben über kurz oder lang an vielen Punkten den Gepflegten-Notstand. Menschen, die Hilfe in unterschiedlichster Form brauchen, erhalten sie nicht passgenau. Das können wir als Landkreis zwar nicht alleine lösen, aber wir können entscheidend dazu beitragen und haben durchaus Möglichkeiten, die es zu diskutieren gilt. Dazu dient diese regionale Studie“, sagt die Erste Kreisbeigeordnete.

Ende Juni hat Simmler darum bereits einen Runden Tisch mit Vertreterinnen und Vertretern aus dem Pflegebereich initiiert. „Wir reden jetzt nicht mehr über abstrakte Probleme, sondern wissen sehr gut, wo gezielt in unserer Region und in welchen Segmenten gehandelt werden muss, welche Bedarfe nicht ausreichend gedeckt sind und wo auch ortsübergreifende Maßnahmen sinnvoll sind.“ Gerade der Runde Tisch aus Pflegeunternehmen aus der gesamten Region habe einige konkrete Schritte vereinbart.

Für Irmhild Neidhardt, Leiterin der Abteilung Leben im Alter, liegt die größte Herausforderung im Aufbau zusätzlicher stationärer und ambulanter Angebote, „nicht nur, weil das alleine schon eine Herausforderung ist, sondern ganz einfach, weil das dafür notwendige Personal mehr als knapp bis gar nicht vorhanden ist“. Der Bedarf sei gleichwohl da und werde sich in den nächsten Jahren noch deutlich erhöhen, und zwar von den Toren Frankfurts bis in den Spessart. „Wir können aus den Ergebnissen der Studie klar ableiten, dass die Unterversorgung kein Thema des ländlichen Raums ist. Der Fachkräftemangel im Pflegebereich geht also alle Städte und Gemeinden an“, so Neidhardt.

Nach den vorläufigen Auswertungen zeichnet sich ab, dass bis 2040 in einigen Kommunen stationäre Pflegeangebote und Personal fehlen. So müssten dezentrale Angebote wie Tagespflege oder alternative Wohnformen ausgebaut werden. Außerdem werde mehr Spezialisierung für die wachsende Zahl demenziell erkrankter Personen benötigt.

„Wenn wir über pflegerische Versorgung sprechen, im Übrigen auch über die hausärztliche Versorgung, dann haben wir in der gesamten Region ähnliche Herausforderungen. Im Besonderen sind auch alle Anbieter von pflegerischen Leistungen – ob stationär, ambulant oder teilstationär – ähnlichen Fragestellungen und Herausforderungen ausgesetzt. Und sie greifen auf den gleichen leeren Arbeitsmarkt zu. Es macht also wenig Sinn, weiterhin nur bis zum eigenen Tellerrand zu schauen“, fasst Simmler zusammen. Man müsse die Kräfte bündeln „und durchaus auch unkonventionelle Wege einschlagen“. „Wir sind dazu mit aller Kraft bereit, ob aus der Landkreisverwaltung heraus oder mit unseren Gesellschaften, wie zum Beispiel der Akademie für Gesundheit und Pflege, etwa bei der Koordination und Organisation der Suche nach geeignetem Personal zu helfen.“

Große Hoffnungen verbinden Praktiker mit der Gründung der Akademie. Die Vorarbeiten zur Gründung der Main-Kinzig Akademie für Gesundheit und Pflege gGmbH zum geplanten Termin am 1. Januar 2023 sind erledigt, nach der Sommerpause folgen die Beschlussfassungen der Gremien sowie des Kreistags.
 thb

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