Studieren vor der Haustür

Informierten in der Klosterberghalle Langenselbold zu einem möglichen Hochschulstandort im Main-Kinzig-Kreis: Christian Schreier und Uwe Hainbach, Landrat Thorsten Stolz, Jens Minnert und Fabian Tjon (von links). Foto: Monica Bielesch

„Wenn wir eine solche Chance nicht nutzen, dann sind wir blöde dran.“ Landrat Thorsten Stolz (SPD) nahm am Dienstagabend in der Klosterberghalle kein Blatt vor den Mund.

Region – Bei einer Informationsveranstaltung des Kreises zum Thema Duales Studium appellierte er eindringlich an die rund 50 erschienenen Vertreter von Unternehmen und Kommunen, sich zu überlegen, ein Duales Studium anzubieten.

Denn nur wenn sich genügend verbindliche Interessenten aus der Wirtschaft und Verwaltung melden, könnte der Plan, ein komplettes Hochschulstudium im Main-Kinzig-Kreis anzubieten, angegangen werden. Jungen Schulabgängern müsse ein solches ergänzendes Angebot im Kreis gemacht werden, damit sie nicht abwandern, sondern der Region als Fachkräfte erhalten bleiben, so der Landrat. „Aber das kann nicht von der Politik verordnet werden.“ Das müsse aus der Unternehmerschaft kommen.

Ins selbe Horn stieß Jens Minnert. „Wir kommen nur dahin, wo wir gewollt werden“, sagte der Leitende Direktor des Wissenschaftlichen Zentrums Duales Hochschulstudium (ZDH), das als Träger der dualen Studiengänge in StudiumPlus fungiert. Denn nur wo vonseiten der heimischen Arbeitgeber ein verbindlicher Bedarf nach Dualen Studiengängen geäußert werde, errichtet die Technische Universität Mittelhessen in Kooperation mit dem Verein Competence Center Duale Hochschulstudien – StudiumPlus (CCD) eine Außenstelle für ihr Hochschul-Angebot.

Sechs solcher Außenstellen betreibt CCD mittlerweile in ganz Nord- und Mittelhessen, in Bad Hersfeld, Bad Vilbel, Bad Wildungen, Frankenberg, Friedberg und Biedenkopf. Die Zentrale von StudiumPlus sitzt in Wetzlar, und auch die räumlichen Ressourcen der THM in Gießen werden genutzt. Mittlerweile hat der Verein CCD rund 1000 Partnerunternehmen, und im Verlaufe von 20 Jahren wurden mehr als 4300 Absolventen hervorgebracht. Aktuell werden rund 1800 Studierende von mehr als 500 Dozenten betreut. Minnert und seine Co-Referenten erläuterten den Zuhörern, wie das Duale Studium von StudiumPlus funktioniert. Und sie stellten sich den Fragen aus dem Publikum.

Gekommen waren neben großen und mittelständischen Arbeitgebern aus der Wirtschaft auch einige Bürgermeister aus der Region. Es gehe bei StudiumPlus darum, dem Weggang von jungen Menschen aus einer Region etwas entgegenzusetzen. „Wir wollen den Aderlass verhindern und Fachkräfte vor Ort sichern“, so Minnert. Während der sieben Semester dauernden Bachelor-Studiengänge wechseln sich Studienblöcke mit Praxiszeiten im Unternehmen ab. Jeder Block dauert mehrere Monate, so könnten die Dualen Studierenden in den Betrieben bereits früh bei Projekten eingesetzt werden, so Minnert.

Unternehmen, die teilnehmen wollen, müssen zuerst Mitglied im Verein CCD werden, dafür zahlen sie je nach Größe ihres Betriebes einen jährlichen Mitgliedsbeitrag von zwischen 100 und 500 Euro. Pro Monat und Studierendem wird außerdem ein Studienbeitrag fällig, abhängig vom angepeilten Studienabschluss. Und auch die monatliche Vergütung des Studierenden wird vom Unternehmen übernommen.

Die Studierenden müssen sich für ihren Dualen Studienplatz bei ihrem Wunsch-Unternehmen bewerben. Ihr Vorteil sei, so Minnert, dass sie sich ganz auf ihr Studium konzentrieren können, denn sie erhalten auch während der Theoriezeiten weiterhin das vertraglich vereinbarte Gehalt vom ausbildenden Betrieb.

StudiumPlus bietet als Bachelor-Studiengänge unter anderem Betriebswirtschaft mit diversen Schwerpunkten an, Ingenieurwesen, Elektrotechnik oder Maschinenbau, Wirtschaftsingenieurwesen, Bauingenieurwesen, Softwaretechnologie und Medizin-Management. Aber: Die angebotenen Studiengänge richten sich nach dem Bedarf in der jeweiligen Region, betonte Fabian Tjon, der einige Campusse leitet. So liege beispielsweise in der größten Außenstelle Bad Vilbel aufgrund der Nähe zur Bankenmetropole Frankfurt der Schwerpunkt auf IT-Studiengängen. 2015 startete die Außenstelle Bad Vilbel mit elf Studierenden, heute seien es knapp 200.

„Die größte Herausforderung ist, junge Leute für solche Berufe und diesen Ausbildungsweg zu gewinnen“, sagte Minnert. Aber auch die teilnehmenden Unternehmen müssten sich festlegen. „Wir brauchen Unternehmen mit ernsten Absichten, damit wir starten können.“ Und es müsse ein politischer Konsens zur Unterstützung des Dualen Studiums in der Region herrschen.

Wie die nächsten Schritte aussehen, erläuterte Landrat Stolz: So werde im Laufe der nächsten Wochen in Zusammenarbeit mit der IHK eine Abfrage bei den Unternehmen der Region erfolgen, ob ein Bedarf an dualen Studiengängen bestehe und welche Fächer gefragt seien. Anfang 2023 soll es dazu Ergebnisse geben.

„Dann heißt es Hop oder Top“, äußerte Landrat Stolz. Minnert ergänzte, dass wenn der Bedarf und die Rahmenbedingungen vor Ort stimmen würden, ein Start in einem Jahr möglich sei. Geplant ist laut Kreis, dass das StudiumPlus in angemieteten Räumlichkeiten eines Neubaus in Langenselbold angeboten würde. Der Kreis trägt in dieser Kooperation die Verantwortung für die Bereitstellung der Studienräume und die Ausstattung, die THM für die Dozenten und die Organisation sowie das CCD für die Infrastruktur des Studiums.

Landrat Thorsten Stolz erinnerte daran, dass der Main-Kinzig-Kreis mit seinen mittlerweile 428 000 Einwohnern eine der wirtschaftsstärksten Regionen in ganz Hessen sei. Die Rahmenbedingungen für ein Duales Studium vor Ort seien sehr gut. Jetzt komme es auf die Bereitschaft der heimischen Unternehmen an. » studiumplus.de

VON MONICA BIELESCH

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